Das Bildungssystem muss auf den Prüfstand

Das Bildungssystem muss auf den Prüfstand

Das Bildungssystem muss auf den Prüfstand

Podiumsdiskussion mit NRW-Bildungsministerin Yvonne Gebauer dreht sich um zentrale Bildungsthemen. Qualitätsvolle Förderung ist ein Menschenrecht für Jeden

Welches Bildungssystem brauchen wir im 21. Jahrhundert?

Welches Bildungssystem brauchen wir im 21. Jahrhundert? Abschließend beantwortet werden, konnte die Frage im Rahmen der Veranstaltung der Ressorts „Zukunft & Politik“ und „Bildung & Wirtschaft“ der Wirtschaftsjunioren Paderborn+Höxter zwar nicht. Dafür aber umfassend diskutiert, denn mit der NRW-Bildungsministerin Yvonne Gebauer sowie der Präsidentin der Universität Paderborn, Prof. Dr. Birgitt Riegraf, war das Podium im Forum des Paderborner Ludwig-Erhard-Berufskollegs hochkarätig besetzt.

Ministerin Gebauer hofft auf einen Klebeeffekt

Lehrermangel, Inklusion, Rückkehr von G8 zu G9, die Verbindung zwischen der sozialen Herkunft und dem Schulabschluss oder der Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften. Gebauer kann sich derzeit über mangelnde Arbeit nicht beklagen. „Es gibt Dinge, die Zeit benötigen und die wir überbrücken müssen. Dazu müssen wir ein paar Versäumnisse der Vorgängerregierung beheben. Wir sind aber auf dem Weg“, so Gebauer in ihrem Eingangsstatement. So habe das Ministerium Anreize für Sekundarstufe II Lehrer geschaffen, für zwei Jahre in einer Grundschule zu unterrichten, um den dortigen Lehrermangel auszugleichen. „Vielleicht ergibt sich ein Klebeeffekt“, hofft Gebauer.

Fach Wirtschaft wird die Politik nicht ersetzen

Die NRW-Bildungsministerin griff auf Nachfrage von Moderator Michael Kaiser-Steinhoff auch die jüngste Diskussion um die Einführung des Faches Wirtschaft als Schulfach auf. „Der Realschule fehlte dieser Fachbereich. Er kommt nun dazu. Im Gymnasium werden Wirtschaftsthemen als Fach Politik und Wirtschaft ohnehin schon gelehrt. Klar ist, dass der Bereich Politik nicht zu kurz kommen wird. Das können wir uns mit Blick auf gewisse gesellschaftliche Entwicklungen gar nicht leisten.“ Gleichzeitig appellierte Gebauer, dass die Gesellschaft umdenken müsse: „Wir müssen die akademische Bildung und die Ausbildung in Unternehmen vom gesellschaftlichen Wert her, wieder auf eine gleiche Stufe stellen. Jeder Abschluss bietet Chancen.“

Fachkräftemangel und Akademisierungswahn – Oder doch nicht?

Christian Hake, Vorsitzender der Wirtschaftsjunioren Paderborn+Höxter, lobte, dass das Thema in der Politik angekommen sei: „Der Fachkräftemangel ist in einigen Branchen dramatisch. Er hat sich schon über Jahre abgezeichnet. Es wurde zu wenig dagegen getan. Nun müssen wir schleunigst weg vom Akademisierungswahn und die Bedeutung der Ausbildung wieder in den Vordergrund stellen.“ Prof. Dr. Birgitt Riegraf wollte als Präsidentin der Universität Paderborn den Begriff Akademisierungswahn nicht unkommentiert lassen. „Ich sehe keinen Akademisierungswahn. Wir sind an vielen Kooperationsprojekten mit Unternehmen für die Studierenden beteiligt und versuchen sie besonders dann auf dem weiteren Weg zu begleiten, wenn das Studium nicht zum gewünschten Erfolg führt. Aber, die Politik muss hier auch einige Hürden abbauen, um uns die Arbeit zu erleichtern.“ Peter Lütke Westhues, Schulleiter des Paderborner Pelizaeus Gymnasiums, der ebenso wie Michael Urhahne, Leiter Berufskolleg Kreis Höxter, mit auf dem Podium saß, mahnte an dieser Stelle davor, Kinder ausschließlich als Humankapital zu sehen. „Jedes Kind hat das Recht auf eine individuelle Förderung. Das muss bei aller Sorge um den Fachkräftemangel in bestimmten Bereichen weiterhin möglich sein.“

Wie kommt die Digitalisierung zu den Schülerinnen und Schülern?

Urhahne brachte zudem das Thema Digitalisierung in die Diskussion ein: „Die technische Ausstattung der Schulen ist zumeist schon gut. Was fehlt, ist das didaktische Konzept, um die Digitalisierung dann auch wirklich für die die Schülerinnen und Schüler greifbar zu machen.“ Lütke Westhues stimmte ihm zu, auch wenn das Pelizaeus Gymnasium hier schon einen Weg gefunden hat: „Zunächst werden die Lehrerinnen und Lehrer geschult. In etwa einem Jahr haben wir dann hoffentlich alle soweit, dass sie ihr Wissen an die Schüler weitergeben können.“

Qualitätsvolle Bildung ist ein Menschenrecht für Jeden

Aufgeworfen wurde auch die Frage nach dem weiteren Umgang mit dem Thema Inklusion. Vereinzelten Publikumsäußerungen, dass das Konzept der Inklusion, in dem Kinder mit Behinderung in regulären Schulklassen unterrichtet werden, gescheitert seien, erteilte Gebauer eine klare Absage. „Eine qualitätsvolle Bildung für jedes Kind ist ein Menschenrecht. Das aktuelle Problem der Inklusion ist, dass es zu schnell über die Fläche ausgerollt worden ist, ohne die nötigen Ressourcen an ausgebildetem Personal. Das hat die Schulen und die Lehrer überfordert. Wir versuchen auch das Thema in den Griff zu bekommen und sind in guten Gesprächen. Gleichzeitig ist es für mich vollkommen klar, dass Förderschulen erhalten bleiben müssen.“

Noch viel Gesprächsbedarf auf dem Weg zum Bildungssystem 21 nötig

Einig waren sich die Teilnehmer der Podiumsdiskussion zum Abschluss, dass auf dem Weg zum Bildungssystem des 21. Jahrhunderts noch viel zu tun sei. „Der weitere Gesprächsbedarf ist sicher groß und muss grundsätzlich angepackt werden“, so Prof. Dr. Riegraf.

Bildzeile:

Angeregte Diskussion: Moderator Michael Kaiser-Steinhoff (l.), Christian Hake (Vorsitzender der Wirtschaftsjunioren Paderborn+Höxter), Prof. Dr. Birgitt Riegraf (Präsidentin der Universität Paderborn), Peter Luetke Westhues (3.v.r., Schulleiter Pelizaeus Gymnasium) und Michael Urhahne (r., Leiter Berufskolleg Kreis Höxter) tauschten sich auf dem Podium mit NRW-Bildungsministerin Yvonne Gebauer (2.v.r) aus.

Foto: Mark Heinemann